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3p zu "SCM Konzepte der Zukunft"

Dieser Fachartikel erschien im LOGISTIK HEUTE Magazin Nr. 6 / 2017

AGILITÄT | In der Welt von morgen heißt der Managementansatz in der Supply Chain “Empowerment”.

Wie führt man eine Supply-Chain-Organisation in einem Umfeld, das unter anderem durch reduzierte Prozesszeiten, Komplexität der Daten und Mehrdeutigkeit der Informationen sowie Individualisierung der Kundenanforderungen und Unsicherheiten an den Märkten geprägt ist?

Verbunden mit der Anforderung, zu den Marktführern zu gehören. Denn mit einer hohen Wahrscheinlichkeit werden alle anderen durch die bereits heute erkennbaren Monopo­lisierungsaktivitäten künftig „raus aus dem Business“ sein.

Das, was man in Kurzform als eine VUCA-Welt bezeichnet – nicht Voodoo-Welt, was bei vielen Betroffenen emotional jedoch ähnliche Effekte auslösen mag –, verlangt nach einer Auflösung klassischer Führungs- und Entscheidungsprinzipien. Und damit einhergehend nach einem Rollenverständnis und einer inneren Haltung von Führungskräften, die vor allem auf Agilitätssteigerung und Befähigung der Mannschaft ausgerichtet ist.

Aber was genau kennzeichnet „Agilität“? Agilität ist die Fähigkeit, sich auf neue Gegebenheiten – am Markt, innerhalb der eigenen Organisation oder in puncto neuer Ziele – schnell und effizient anzupassen. Das erfordert das Beobachten, Erkennen und das systemische Bewerten von Entwicklungen, um mögliche Wirkungsmechanismen, Chancen und Risiken zu antizipieren und Entscheidungen valide zu treffen.

Nicht nur auf der Führungsebene, die diese Aufgabe als Bestandteil ihres Kompetenz- und Verantwortungsspektrums seit jeher lebt, sondern – kunden- und margenzentriert – an jedem Knotenpunkt in der Supply Chain.

Und damit wird der revolutionäre Charakter von Agilität deutlich. Das Anforderungsprofil an eine Führungskraft verändert sich. Während in vielen Unter­nehmen heute noch die Entscheidungsmacht an eine Position gekoppelt ist, wird diese nun in kollektive, interdisziplinär zusammengestellte Einheiten übertragen. Es liegt auf der Hand, dass die mittleren Hierarchieebenen somit auf einen kritischen Prüfstand gestellt werden.

Innovationstreiber SCM

In diesem Entwicklungsstadium wird das Supply Chain Management seiner Mission, „Verwalter und Entwickler integrierter Logistikketten“ zu sein, die Anforderung des Innovationstreibers hinzufügen müssen. Supply Chainer verantworten demnach ein integriertes und innovatives Management aller Wertschöpfungsprozesse und damit einhergehend eine organisatorisch enge Verzahnung von „Logistik“ und „Beschaffung“.

Selbstverständlich kann eine Verzahnung der Fachfunktionen zu agilen Einheiten nur bei einem passenden organisatorischen Reifegrad von mindestens Level 4 sinnvoll funktionieren (siehe Grafik). In der Zukunft braucht ein erfolgreiches SCM auch Menschen mit folgender Expertise beziehungsweise Methodenkompetenzen:

> Technical Expertise
> Financial Expertise
> Relationship Management & Internal Consultancy
> Supplier Coaching
> Intelligent Data Management
> Risk Advisory
> Talent & Diversity Management

Diese Menschen müssen begeisterungs­fähig und belastbar sein; auch durch einen ehrlichen Umgang mit eigenen Fehlern. Sie besitzen zudem

> eine hohe Entwicklungs- und Verän­derungsbereitschaft,
> die Fähigkeit zu entlernen, indem sie bereit sind, bisherige Musterlösungen loszulassen,
> die Bereitschaft, Wissen zu teilen und zu vermarkten,
> die Fähigkeit zu hinterfragen, zu beobachten und zuzuhören,
> Team- und Konfliktfähigkeit, Toleranz sowie Authentizität.

In der Praxis werden auch künftig höchst wahrscheinlich Menschen aufeinandertreffen, die nicht vollumfänglich diesem „Mindset“ und Persönlichkeitstypus entsprechen. Menschen, die zwar erfahrene Wissensträger sind, die aber sowohl einen sehr unterschiedlichen Werdegang haben als auch in ihren Präferenzen, Interessen, Vorurteilen und inneren Blockaden stark divergieren.

Hier zeigt sich nun die künftige Bedeutung beziehungsweise das unverzichtbare Rollenprofil einer mehrwertstiftenden Führungskraft in der Supply Chain: Er oder sie muss die Eigenschaften eines „Anführers“ annehmen, der sich als Vorbild – im Sinne der oben beschriebenen Soft Skills – versteht. Denn „Agilität“ ist nicht nur eine Beschreibung einer Organisationsform, sondern auch eine Haltung.

Und Letzteres ist weder verwaltbar noch delegierbar. Indem Führungskräfte das Wort und die Entscheidung künftig dem Expertenteam übergeben, wandeln sie sich vom „Vordenker“ zum „Leader“.

Die Supply Chain Leader haben die Entwicklung der Organisationskultur als festen Agendapunkt erkannt. Doch was ist eigentlich „Kultur“? Es ist ein Zusammenspiel der Werte, Denkhaltungen, Normen und Paradigmen, welche die Mitarbeiter kollektiv – bewusst oder unbewusst – in einer Gemeinschaft teilen.

Ob man sich als Dienstleister, Verwalter oder strategischen Partner in der Entwicklung neuer Business-Modelle sieht, prägt die Fähigkeit einer Organisation, Informationen und Impulse von außen wahr- und aufzunehmen, in der Organisation zielführend zu verteilen und zu verarbeiten.

Eine auf Agilität und Innovation ausgerichtete Organisationskultur bereitet demnach den Boden unter anderem für die Schnelligkeit von Veränderungsprozessen und ist somit eng verwurzelt mit der Anforderung an das Supply Chain Management der Zukunft.

Supply Chain Leader schaffen hierfür frühzeitig eine Kultur des Vertrauens und der Fehlertoleranz, indem sie selber Vertrauen schenken und für Transparenz sorgen. Hierzu gehören sowohl die gemeinsame Visions- und Leitbildentwicklung, die Visualisierung von Prozessständen und Arbeitspaketen sowie das Selbstverständnis, dass die Nutzung von Coachings ein Teil von Professionalität ist.

Durch Machtverzicht und Verantwortungsübertragung bieten und schaffen Leader für ihre Teams Freiräume, die nicht nur den Ansprüchen der sogenannten T-Shaped-Profilträger entsprechen, sondern auch das kreative Potenzial eines divers kompetenten Teams ausschöpfen.
Stellt sich abschließend die Frage, was es braucht, um dieses Empowerment zu starten? Kurze Antwort: Führungskräfte mit modernem Machtverständnis, die sich neu erfinden. jö

Autorin: Bettina Bohlmann, Geschäftsführerin der 3p procurement branding GmbH und Mitglied des Programmkomitees der EXCHAiNGE – The Supply Chainers’ Conference, die am 26. und 27. September 2017 in Frankfurt am Main stattfindet.

Dieser Fachartikel erschien im LOGISTIK HEUTE Magazin Nr. 6 / 2017

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